ALL THE WORLD`S A FRAME

Kunstverein Leverkusen

 

ALL THE WORLD`S A FRAME

Projektionen auf Leinwand, Treibholz, Performance für zwei fahrende Projektionen, 2020

Kunst, Bildende Kunst im digitalen Zeitalter, wo liegt ihre Aufgabe, worin ihre Relevanz? Für Johanna Reich ist „aktuell vielleicht die wichtigste Funktion von Kunst im Anbetracht der Auswirkungen der Digitalisierung, sich… der Freiheit (der Kunst) bewusst zu werden…Diese Freiheit bedeutet, Dinge, Zusammenhänge, Rollen oder gesellschaftliche Muster neu und ergebnisoffen zu betrachten,“ so in einem Interview im Oktober 2019 in Witten.

In ihrer Ausstellung „ALL THE WORLD’S A FRAME“ hier im Kunstverein Leverkusen projiziert sie eine am Computer simulierte Perspektive auf die hintere Wand eines verdunkelten, von der Außenwelt abgeschirmten Raumes. Eine Art Bühne entsteht, ein Experimentierfeld, eingetaucht in das leicht bläuliche, fast irreale Licht der Projektion. „Bilder‘ werden in diese fiktive Räumlichkeit projiziert – von einer Hand, die einen in ihr schwebenden 3-D Würfel dreht, wendet, ihn zur Betrachtung in die Höhe hebt; von einer weiteren Hand, die einen Papierbogen – diesen uralten Informationsträger – zerknüllt und wieder glättet; von Formeln und Algorithmen, die aus der allerersten je versandten Email stammen. Im „Bühnen“-Raum aufgestellt sind einzelne Leinwände, von denen die eine als Fläche für die Projektion einer Hand und Feuer dient, die andere der von Bewegungen einzelner kleiner Teilchen, die sich aufeinander zu bewegen, andocken, abstoßen, verschwinden oder sich vermehren.

Auf dem Boden stehen und liegen abgestorbene Äste, Zweige, Strünke, Treibholz vom Rheinufer – sie erscheinen wie Zeugen, wie Relikte aus der analogen, haptischen Welt, unserer Welt. Merkwürdig deplaziert wirken sie und gleichzeitig wie vertraute Ankerpunkte, Verankerungen, zwischen denen „teilautomatisierte, durch den Raum fahrende Projektionen“ Fragmente von Textbotschaften an die Wände werfen, in die anderen Projektionen hinein, auf unsere Kleidung, unsere Körper. „Betrachten wir“, so Johann Reich, „unsere immer smarter werdende Umgebung, so sehen wir, dass das >Digitale< und das >Analoge< schon untrennbar miteinander verbunden sind. Das Digitale wird immer weniger sichtbar sein, das Internet, wie wir es heute kennen, wird verschwinden und wie ein Herzschlag in unserer Umwelt und allen Dingen pulsieren.“

Die Künstlerin bewegt sich sehr konsequent zwischen diesen beiden Welten, verknüpft die von ihr entdeckten künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten aus der Welt der digitalen Technik oft mit sehr ursprüngliche „Materialien“: mit Ton, realem, echtem, der die Spuren seiner rudimentären Bearbeitung deutlich erkennen und damit an die Ursprünge künstlerischen Ausdrucks denken lässt. Und mit „Feuer“ als der Kraft, dessen Nutzung den Menschen plötzlich unterschied, abhob von allem, was ihn damals umgab. Als Projektionsfläche dient ihr dabei immer wieder die Hand, mit der wir seit jeher die Welt be-greifen. Über die Haptik.

Doch dieser Zugriff droht uns zusehends abhanden zu kommen. Nur die Sehnsucht nach dieser Möglichkeit der haptischen Erschliessung, sie bleibt und wird vielleicht sogar stärker?
Mit der Wahl ihrer Bildsujets zitiert Johanna Reich bewusst verschiedene Möglichkeiten, unterschiedliche Denk-Ansätze, mit denen wir Menschen seit Urzeiten versuchen, die Welt zu verstehen und zu meistern. Ob mit Bildern oder mathematischen Formeln, ob analog oder digital. Reich geht es mit diesen vielfältigen Bezügen, Referenzen und Querverbindungen letztlich um die bildnerische Vergegenwärtigung dieses kontinuierlichen Prozesses der Aneignung von Welt. 

Einzelne Arbeiten wie „à la lumiére“, in der sie Ammoniten, diese steinernen Zeugen von den Anfängen unserer Welt, zu umfassen, zu besteigen, sich an ihnen zu messen versucht, – sie lassen sich im Zusammenhang ihrer Ausstellung „ALL THE WORLD’S A FRAME“ lesen wie Hinweise auf diesen (bislang) noch nie versiegten Prozess. Den eigenen kontinuierlichen Prozess der Bildfindung und -befragung sieht sie denn auch innerhalb dieses „Frames“, dieses Rahmens, ihr Ringen um ein Vokabular, das sie ihre, unsere Zeit zu „meistern“ erlaubt. Allerdings verführt das Digitale mehr denn je, bei einer künstlerischen Arbeit vor allem auf die Technik zu achten, diese analysieren zu wollen und sich sowohl von ihr faszinieren, vielleicht aber auch verängstigen zu lassen. Doch bei Johanna Reich dient sie vor allem als Instrument, als „Material“, mit dem sie ihre Fragestellungen formulieren kann – nach den Grenzen naturwissenschaftlicher Erklärungs- und Deutungsansätze, die sich nur langsam von der Vorstellung verabschieden, die Welt bis ins Kleinste entschlüsseln zu können. Und jenen nach den Chancen und vielleicht auch noch nicht begreifbaren Gefahren der digitalen Bild- und letztlich Wirklichkeitserzeugung.

„Die eigentlich existentielle Frage scheint mir… ist in der digitalen Welt noch Platz für den Menschen?“ Gedankenspiele, visuelle Denkanstöße, ergebnisoffen, vorgetragen – wie schon beim epischen Theater eines Bertolt Brecht – nicht, um Mitgefühl und Emotionen zu evozieren, sondern „gesellschaftskritische Erkenntnisse“. Darin besteht die Relevanz von Kunst – heute und morgen.

Susanne Wedewer-Pampus, Januar 2020

 

ALL THE WORLD`S A FRAME

Projections on canvas, driftwood, performance for two autonomously driving projectors, 2020

What is the task of art, visual art in the digital age, what relevance does it have? For Johanna Reich “actually, perhaps the most important function of art given the effects of digitalisation is to…be
aware of the freedom (of art)… This freedom means to see things, connections, roles or social patterns in a new and open-minded way”, as she stated in an interview in Witten in October 2019.

In her exhibition “ALL THE WORLD’S A FRAME” here in the Kunsthalle Leverkusen, she projects onto the rear wall a computer simulated perspective of a darkened room closed off from the world. A kind of stage is produced, an experimental field, immersed in the slightly blue, almost unreal light of the projection. “Pictures” are projected into this fictitious space – of a hand holding a floating 3-D cube, turning it, holding it up for the viewer’s inspection. There comes another hand that crumples a sheet of paper – the age-old carrier of information – and flattens in again: then formulas and algorithms from the first email ever sent. There are individual screens set up in the “stage” room, on one of which a hand and fire are projected, on another, small particles that move towards each other, dock, repel, disappear or increase in number. Dead branches, twigs, stalks and driftwood from the banks of the Rhine stand and lay on the floor. They are like witnesses, relics from the analogue, tactile world – our world. They appear to be strangely out of place and simultaneously anchor points, moorings between the “partially automated projections travelling through the room” that throw fragments of text messages on the wall, into other projections, on our clothes, our bodies.

According to Johanna Reich, “If we look at our increasingly smarter surroundings, we see that the >digital< and the >analogue< are inseparably combined. The digital becomes more and more invisible, the internet as we know it today will disappear and will pulse like a heartbeat in our surroundings and all things.” The artist moves consistently between these two worlds and combines the expressive possibilities she discovers in the world of digital technology with often more elemental “materials”. With clay, for example, real, genuine clay that clearly displays traces of its rudimentary working and thereby leads one to think of the origins of artistic expression. And with “fire”, the power that humanity learnt to use thus distinguishing itself from everything else around it. The hand repeatedly serves as the projection screen with which we have always touched the world. Through the tactile. Yet this access is noticeably in danger of becoming lost. Only the desire for this possibility of tactile development remains and will perhaps become stronger?

With the choice of her pictorial theme, Johanna Reich consciously quotes the different possibilities and various intellectual approaches with which humanity has tried since prehistoric times to understand and master the world. Whether with an image or a mathematical formula, whether analogue or digital. For Reich, these diverse references and cross-connections are about the pictorial visualisation of this continuous process of appropriating the world. Individual works, such as “à la lumiére” in which there is the attempt to incorporate, climb and measure ammonites, those stony witnesses to the beginnings of our world, can be read in terms of ALL THE WORLD’S A FRAME as indications that this process has not yet ended. She sees her continuous process of finding and questioning images then as outside this “FRAME”, this framework, more as her striving for a vocabulary that allows her to “master” her, our world.
Yes, the digital is more seductive than ever in taking note of the technology used in an artwork, in wanting to analyse it and being fascinated by it but also being made anxious. However, for Johanna Reich, the digital is above all an instrument, a “material” with which she can formulate her questions.
Questions about the borders of natural scientific explanatory and interpretative approaches that are slowly abandoning the idea that the world can be deciphered down to the smallest detail. And questions about the chances and perhaps also the as yet uncomprehended dangers of digital pictorial and ultimately reality production. “ The primary existential question seems to me to be… is there still a place for humanity in the digital world.”
Intellectual games, thought-provoking visual stimuli, open-minded, presented – as in an epic theatre piece of a Berthold Brecht – not to provoke empathy and emotions, but rather “socially critical insights.” Therein lies the relevance of art – today and tomorrow.

Susanne Wedewer-Pampus, January 2020

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