FLAGS
Videoperformance, DVCPRO HD, 27`00, 2011

Johanna Reich, „flags“
Das bunte Aufleuchten von Nationalflaggen ist gewiss kein ungewohntes Phänomen im Berliner Regierungsviertel und so auch nicht in der Hiroshimastraße, in der sich die „Vertretung des Westens“ zwischen der Botschaft der Vereinigten Arabischen Emirate und der japanischen Repräsentanz einreiht. Und doch schafft es eine vergleichsweise zurückhaltende Medieninstallation, in diesem höchst internationalen Viertel gerade mit einer Vielfalt nationaler Farbigkeiten aufzufallen.

Johanna Reichs Arbeit „flags“, präsentiert auf einem Monitor in einer kleinen Schauvitrine vor der Landesvertretung Nordrhein Westfalen, zeigt ein nur auf den ersten Blick patriotisches Vorgehen: Die Künstlerin selbst tritt vor ihre noch weiße Atelierwand, gewappnet mit Farbeimer und Pinsel, gekleidet in den deutschen Nationalfarben mit schwarzem Kapuzenpulli, rotem Rock und leuchtend gelben Stiefeln. Vehement und fast dilettantisch beginnt sie, die Wand farbig zu bearbeiten, einen im Raum stehenden, flimmernden kleinen Röhrenfernseher inbegriffen. Zunächst ein schwarzer Balken auf Kopfhöhe, es folgt ein roter und – der Betrachter ahnt es schon – ein gelber zuunterst. Die Grenze zwischen Person und Wand verschwimmt und löst sich gänzlich auf, als die Künstlerin den Monitor zum Sockel umfunktioniert und sich vor ihrem „Werk“ positioniert.

Ein nationalfreudiges Werk mag man meinen, doch plötzlich kippt das Bild, im wahrsten Sinne des Wortes, als die Kamera um 90 Grad gedreht wird. Die Künstlerin erscheint erneut im Bild, nun in einer anderen Farbkombination gewandet und beginnt, einzelne Felder zu überstreichen. Der Betrachter hat mitgelernt, stellt Vermutungen an und richtig – die belgische Flagge entsteht. Das Spiel setzt sich fort mit neuen Farben an der Wand, jeweils passend zur wechselnden Kleidung. Farben werden übermalt und so wird aus der spanischen Flagge die polnische, aus der niederländischen durch Kameradrehung die Paraguays. Stets bleibt eine Farbe bestehen, oftmals entstehen im schrittweisen Wechsel von einer Flagge zur anderen neue „Zwischenflaggen“.

Johanna Reich ist keine Malerin und die Arbeit „flags“ steht nur vermeintlich in der Tradition der Farbfeldmalerei eines Mark Rothko. Der Medienkünstlerin geht es vielmehr um die Bedeutung von Farben, Nationalitäten und Identitäten, die auch nach der neuen nationalen Euphorie der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland nicht unproblematisch bleibt. Reich schafft fließende Übergänge zwischen den nationalen Farbgefügen und wirft mit ihren malerischen Schichtungen ein ganzes Spektrum von Assoziationen und Fragen hinsichtlich Identitätsbildung, Grenzziehungen und -überschreitungen in einer globalen Welt auf. Nationales Bewusstsein ist heutzutage immer auch ein medial vermitteltes Bewusstsein und vor diesem Hintergrund beginnt sich auch der anachronistisch anmutende Monitor aus seiner Staffagenrolle zu emanzipieren und verweist auf jene analogen Zeiten, in denen das Fernsehen als Leitmedium noch nicht vom allmächtigen Internet abgelöst wurde.

Zurück bleibt nicht nur ein betretener Betrachter, der bei seinem Unvermögen, viele der gezeigten Farbkombinationen geografisch zuzuordnen, das dringende Bedürfnis verspürt, sein Wissen – vermutlich online – aufzufrischen. Sondern es bleibt vor allem die Frage danach, was wir glauben, sehen und einordnen zu können und was tatsächlich zu sehen ist.
(Anne Mager)


The video Flags deals with the meaning of color and nationality in times of globalization: The artist paints her environment in the colours she is dressed. Dressed in three colours, the first flag is created. The process will always retain a colour of the existing painting, from which the following occurs: A red stripe of the Spanish flag becomes the red stripe of the Polish flag. During the painting process the combination of colours and perspective (of the camera) change their meanings: they become different national identities.



LWL Museum für Kunst- und Kulturgeschichte Münster

 

 

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