Der Blick auf die Welt

Der Blick auf die Welt

Installation; 12 Fotofahnen, 1,50m x 3,00m und 12 x Oral History auf Kopfhörern

»Computer sind gewaltige Instrumente zum Projizieren alternativer Wirklichkeiten, vorher ungeahnter Welten. Aber das alles hat wenig Sinn, solange wir nicht wissen, wozu das alles.«
(Vilém Flusser)

»Das Leben kann nur in der Schau nach rückwärts verstanden, aber nur in der Schau nach vorwärts gelebt werden.«
(Søren Kierkegaard)

HOW YOU SEE THE WORLD
Installation; 14 banners, 1,50m x 3,00m und 14 x Oral History on headphones

Finally arrived in the post-digital age, the here and now has become an everywhere and always, „iconoclasms“ tell about our social lives in an increasingly rapid pace and define our everyday life. One can not curb the flood of images, but one could firmly ask the question, what remains of all the pictures: Johanna Reichs project “How you see the world“ questions which images remain – and have burned themselves into global as well as personal memory.

The participants of the project were asked to name an unforgettable moment of contemporary history since the beginning of photography (1826), like the moon landing or the gulf war and to talk about this special event so well. An image of the selected event was projected onto the human body as a `light tattoo´, the image only becomes visible when the human body as a canvas is present. This process was photographed and shown in the exhibition as a photo banner.

While walking through the exhibition one could listen to the recorded oral history via headphones. The audio files build a contrast to official historiography and open up a personal view of a global picture.

Die gestohlene Welt, Max Ernst Museum Brühl des LVR
Die gestohlene Welt, Max Ernst Museum Brühl des LVR
Sight Connection, NRW Bank Münster zum Jubiläum der GWK

 

Nach den Jahren der Digitalisierung sind wir im Post-Digitalen Zeitalter angekommen. Aus dem Hier und Jetzt ist ein Überall und Immerzu geworden, “Bilderstürme” erzählen unser Leben in immer rasanterem Tempo, bestimmen unseren Alltag. Um diesem Wandel habhaft zu werden, kann man zwar die Bilderflut nicht eindämmen, wohl aber der überbordenden Schnelligkeit auf andere Weise Einhalt gebieten und die Frage stellen, was von all den Bildern bleibt. Aber gibt es “die” wichtigen Bilder unserer Zeit überhaupt?

Sight Connection, NRW Bank Münster zum Jubiläum der GWK

DER BLICK AUF DIE WELT

Im Projekt DER BLICK AUF DIE WELT forscht Johanna Reich nach Bildern, die sich von der Bilderflut absetzen – die “bleiben” – und sich ins globale wie persönliche Gedächtnis eingebrannt haben.

Personen zwischen 20 und 90 Jahren werden gebeten ein unvergessliches geschichtliches Ereignis und für sie “bleibendes” fotografisches Bild seit Entstehung der Fotografie (1826) zu benennen und über ihren persönlichen Bezug zu diesem Bild zu berichten. Die Antwort wird als Audiodatei aufgezeichnet; das ausgewählte Bild als Lichttattoo auf den menschlichen Körper projiziert, der menschliche Körper fungiert als Leinwand, das Bild wird nur durch den Körper sichtbar. Dieses Bild wird auf leicht durchsichtigen Fotofahnen, die im Ausstellungsraum hängen, gezeigt. Durch den analogen Prozess des Projizierens auf die menschliche Haut findet ein `Begreifen` des Bildes statt, es schreibt sich durch diesen Vorgang in die menschlich Haut ein. Die Audiodatei kann während der Betrachtung des Fotos über Kopfhörer angehört werden und eröffnet einen persönlichen Blick auf ein globales Bild.


 

DER MAUERBAU
Ausschnitt aus dem Gespräch mit Brigitte Leweke

Das Ereignis, um das es sich handelt, ist der 13. August 1961. Ich habe es mir ausgesucht, weil es ein Ereignis war, das mir bis heute noch im Kopf eingebrannt ist. Es löst so eine starke Erinnerung in mir aus, weil ich damals als Kind, ich war elf Jahre alt, zum ersten Mal allein in den Ferien war; bei Verwandten auf einem Bauernhof in Westfalen. Der Abend, der diesem Ereignis vorangegangen ist, war schon ein bißchen düster. Ich sehe uns noch in der großen Bauernhofküche sitzen; die Familie hatte ganz viele Kinder und ich saß als Ferienkind mit in dieser Kinderschar und meine Tante und mein Onkel machten plötzlich traurige bzw. ernste Gesichter und sagten: „Kinder, ich glaube, es gibt Krieg.“

Da fing ich gleich an zu weinen, denn ich war ja von zuhause weg und dachte: „Wenn es Krieg gibt, dann komme ich überhaupt nicht mehr zurück.“ Panik ohne Ende. Da meinte meine Tante, man müsse jetzt erstmal den weiteren Verlauf abwarten, in Berlin wäre man gerade dabei, eine Mauer zu errichten. Ich konnte mir darunter zuerst gar nichts vorstellen, wir hatten keinen Fernseher, aber wir hatten die Nachrichten am Radio mitverfolgt. Die Ereignisse wurden dann durch die Kommentare durch die Erwachsenen sehr verstärkt. Sie erklärten uns, dass die Bevölkerung aus einem Teil von Berlin immer das Bedürfnis gehabt hätte, wegzugehen: in den Westen. Im Osten seien die Verhältnisse zu schlecht gewesen, vor allem die wirtschaftlichen Verhältnisse. Sie hätten den Wunsch gehabt in den Westen zu kommen, weil sie sich dort ein besseres Leben versprochen hätten.

Und so saß ich dort. Unter all den Kindern an einem riesigen Tisch und dachte: „Jetzt komme ich nicht mehr nach hause.“ Dann, am nächsten Tag, hatten sich die düsteren Gedanken bei mir noch verfestigt. Dann war es ja so – das hörte man dann via Radio – dass schon mit dem Bau der Mauer begonnen worden war. Und ich erinnere mich, dass Stacheldraht auf enorm großen Rollen geliefert worden war, so dass man den Bau nicht behindern konnte. Dann wurde die Mauer errichtet, Stück für Stück, flankiert von diesem aufgerollten Stacheldraht. Das sind die Bilder, die mir in Erinnerung geblieben sind. […]

WIEDERVEREINIGUNGSFEIER
Ausschnitt aus dem Gespräch mit Guido Jordan

Zur Wiedervereinigungsfeier, die 1990, stattgefunden hat, stand ich oben am Reichstag – durch Zufall. Ich habe diese Menschenmengen beobachtet – es war schon ziemlich imposant. Und wenn ich so die Bilder sehe, wie diese große Deutschlandflagge dort wehte, kam mir alles ein bißchen ambivalent vor. Unter mir stand die ganze Politprominenz, ich hätte Helmut Kohl auf den Kopf spucken können und Hannelore hat fies das Gesicht verzogen, weil die ganzen Feuerwerkskörper dort abgefeuert wurden. Die Situation war für die Polizei ein absoluter Albtraum, da alle Sicherheitskonzepte zusammengebrochen sind, aber Gottseidank ist nichts passiert. Es war schon beeindruckend, sich inmitten so eines politischen Geschehens zu befinden, an solch einem Tag. Aber wenn man sich zu anderen Seite drehte, hat man die Bevölkerung gesehen. Und es war schon fast unheimlich, als Westdeutscher auf einmal so viele Deutschlandflaggen zu sehen, eine eigenartige Atmosphäre. Das Ganze hatte eher auch etwas von Ballermann oder besser gesagt: Fußballstadion. Auf der einen Seite bei den Politikern war die Intention zu dieser Veranstaltung eine ganz andere, wesentlich würdiger, und auch verständlich. Weizsäcker war unser Bundespräsident, er hatte den Krieg miterlebt, eine ganz andere Generation. Sein Vater, hoch belastet durch seine Arbeit im Außenministerium unter Ribbentrop. Weizsäcker hat die aufblühende Bundesrepublik erlebt, er hat die Teilung miterlebt, er hat diese Geschichte miterlebt und für so einen Menschen hatte die Feier eine ganz andere Bedeutung. Diese Diskrepanz ist sehr klar geworden, wenn man dort auf der Mauer gestanden hat. Zur rechten Seite hat man die Politiker gesehen auf der anderen Seite das Volk, die Menschen wollten einfach feiern und Party machen. Das Ganze hat gar nicht mehr zusammengepasst. Und manchmal denke ich: solche Missverständnisse zeichnen sich auch heute noch in der Politik ab. Die Gesellschaft, die die Politik kritisiert, aber die Politik hätte ja auch ruhig mal das Recht, ihrerseits die Bevölkerung zu kritisieren. Und das war symbolisch an diesem Tag. Eigentlich war es ja ein tolles Erlebnis. Aber hat schon gemerkt: die Situation hat auch die Probleme symbolisiert, die dann später auftraten.

Mein Vater hatte Familie in Rostock und meine Mutter hatte Familie in Dresden und so waren wir zumindest einmal im Jahr in der DDR. Als Teilungssymbol erscheint mir die Zonengrenze wesentlich intensiver, weil ich sie natürlich auch als Kind erlebt habe. Mit diesen Doppelzäunen, dazwischen waren Laufleinen für die Schäferhunde, die dort gehalten wurden. Das war ziemlich gruselig. Die Grenzkontrollen, wenn man hineinfuhr, war alles komplett beklemmend. Noch beklemmender war aber dann die Kontrolle zur Ausreise – und später konnte man die Erleichterung im Zug zu verspüren, wenn man endlich aus der DDR raus war. Dabei hatte ich sehr gute Erlebnisse in der DDR mit sehr netten Menschen, das alles war immer positiv assoziiert. Und es war auch landschaftlich schön, um Dresden herum oder oben an der Ostsee. […]

BARAK O`BAMA IM OVAL OFFICE
Ausschnitt aus dem Gespräch mit Anja Hennemann

Man sieht Barak O`Bama wie auf dem Schreibtisch im Oval Office sitzt. Er hat einen Anzug an und eine Krawatte,er stützt sich mit den Händen auf dem Schreibtisch ab und blickt, wie ich finde, etwas deprimiert, nachdenklich zu Boden. Etwas erschüttert, etwas angegriffen, nicht so staatsmännisch wie man ihn sonst kennt – aufgerichtet, fröhlich, sondern eine Pose, die mich deswegen so angesprochen hat, weil ich sie so nicht oft in den Medien wahrgenommen habe.

Ich habe mich früher nicht viel mit Politik beschäftigt, was Obama betrifft, war es das erste Mal, dass ich mich für Politik interessiert habe, auch, weil wir fast ein Jahr lang in den USA gelebt haben und er für mich die Demokratie verkörpert hat. Ein schwarzer Präsident, was für viele damals bedeutete: Jetzt gehts vorwärts, jetzt wird die Welt einheitlicher, weniger rassistisch. Er verkörpert für mich spezielle Werte, von denen ich mir wünschen würde, dass jeder Mensch sie hätte, z.B. dass man wegen seiner Hautfarbe nicht diskriminiert wird. Ich habe dann letztes Jahr irgendwann nebenbei mitbekommen, dass es einen gewissen Herrn Donald Trump gibt, der sich für die Kandidatur bewirbt – ich kannte ihn gar nicht. Ich habe ihn dann gegoogelt und festgestellt, dass es sich um einen steinreichen Unternehmer handelt, der jetzt in die Politik einsteigen möchte und amerikanischer Präsident werden will. Ich habe dann durch die Medien eher wahrgenommen, dass er es eher nicht schaffen wird, er sei eine Art Witzfigur, gegen Hillary Clinton hätte er überhaupt keine Chance. Im Oktober habe ich mich dann tatsächlich ein bisschen mehr mit den amerikanischen Wahlen beschäftigt und habe mir erstmalig die Fernsehdebatten in den USA im Internet angeschaut, wo Donald Trump gegen Hillary Clinton angetreten ist, um mir ein eigenes Bild zu machen. Ich wollte sehen, wovon alle sprechen und habe dann für mich so gedacht, dass Trump erschreckenderweise doch ganz gute Chancen haben könnte, weil er genau den Nerv der Zeit trifft: Die Unzufriedenheit gegen das Establishment in den USA. Er hat mit seiner Radikalität sehr viele Leute angesprochen – endlich eine Veränderung. Das fand ich einerseits total erschütternd und beängstigend, andererseits habe ich gehofft, dass es nur der Wahlkampfwerbung ist und dass das, was danach kommen wird, anders sein wird. Und so habe ich angefangen, mich mit Trump zu beschäftigen. In dieser Phase kam mir das Bild von Obama in die Finger. Es zeigt einerseits ein wenig Abschiedsnehmen von der Ära Obama, leider kann er ja nicht nochmal kandidieren; und andererseits die Ungewissheit, ob jemand wie Donald Trump so ein großes Land anführen könnte und da eine Chance im Wahlkampf hat – oder eben nicht – und wenn er gewinnen würde, würde er seine Versprechen wie versprochen umsetzen oder ist das nur der Wahlkampf und danach wird alles etwas geschmeidiger geregelt? […]

AUDIOFILES:

Der erste Teil der Arbeit „Der Blick auf die Welt“ entstand im Rahmen der Ausstellung Bildersturm in Bonn. Die Ausstellung ist eine Kooperation des Katholischen Bildungswerks Bonn und des Evangelischen Forums in Kooperation mit dem Kunstmuseum Bonn und dem LVR Museum Bonn. Die Ausstellung wurde kuratiert von Susannah Cremer-Bermbach.

Die Weiterführung von „Der Blick auf die Welt“ entstand im Rahmen der Ausstellung SIGHT CONNECTION, Daniel Burkhardt und Johanna Reich, anläßlich des 60jährigen Jubiläums der GWK und wurde von Susanne Schulte kuratiert.

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