HEROINES UND AMAZONEN

HEROINES

2012 – 2015

We could be Hero(in)es just for one day

David Bowie, Heroes, 1977

PROJEKTIONS–COLLAGEN
ORAL HISTORY – 1945 bis 2015

WOHIN WIR GEHEN
Die zentrale These des Kulturanthropologen René Girar lautet, dass der Mensch durch Nachahmung lerne und die Kultur ein einziger Prozess der mimetischen Vermittlung sei. Durch das Begehren eines anderen Menschen wird ein Objekt erst begeherenswert und es entsteht Rivalität. In ihrem Projekt „HEROINES“ fragt Johanna Reich junge Mädchen in bildnerischen Experimenten nach ihrer Identität.

Die Teilnehmerinnen berichten, welche Personen für sie aufgrund von Charakter, Lebenslauf oder einer speziellen Begabung faszinierend finden und wählen ein Bild dieser Persönlichkeit aus. Dieses Bild wird auf das Gesicht der Teilnehmerin projiziert, die selbst ihr Haltung und Gestik auswählt und als fotografisches Portrait festgehalten. In der Verschmelzung von Projektion und Gesicht entsteht ein neues, eigenständiges Portrait, das seine Energie aus dem Spannungsfeld zwischen ikonenhafter Inszenierung und alltäglicher Gegenwart schöpft; es entsteht eine Heroine, benannt nach den Halbgöttinnen der Antike.

„…Die Arbeit Heroines nimmt sich die in den Traumfabriken und den Massenmedien erzeugten Bilder und führt vor Augen, wie sich idealisierte, gleichzeitig weit entfernte Persönlichkeiten, mit den Identitäten junger Mädchen vermischen. Sie weist auf den eigentlich innerlich ablaufenden Prozess der Identitätsbildung hin, der in Kindheit und Jugend verstärkt stattfindet. Die Orientierung an inszenierten Rollenvorbildern, etwa aus dem Showbusiness, ist einerseits Mittel zur selbstbestimmten Persönlichkeitsentwicklung andererseits ist es Spiel mit der Illusion. […]“
Julia Sprügel, Heroines (Halbgöttinnen)

Die Portraits werden, als popkulturelles Zitat, als Plakate in der Stadt und als überlebensgroße Poster gezeigt, vergleichbar mit den Postern, die in Zimmern von Jugendlichen hängen.


Ergänzend dazu führte Johanna Reich zahllose Gespräche mit Frauen zwischen 30 und 95 Jahren und zeichnet dabei ein zeitgenössische Bild der Frau in unserer Gesellschaft und den Wandel ihrer Rolle zwischen 1945 bis 2015. Sie zitiert mit dieser Arbeitsweise das Vorgehen des Soziologen Pierre Bourdieu, dessen Werk La distinction. Critique sociale du jugement (Die feinen Unterschiede) auch auf dem Sammeln von zeithistorischen Tondokumenenten basiert. Bourdieu weist in seinem Werk auf, dass Geschmack von der Gesellschaft geprägt wird und nicht individuell entsteht. In ihren Interviews untersucht Johanna Reich, inwieweit Rollenverhalten gesellschaftlichen Strömungen unterliegt oder individuellen Entscheidungen.
Das Archiv der Ton und Bildaufnahmen ist als Hintergrund zum Projekt „HEROINES“ zu sehen. Es wird unter dem Arbeitstitel „AMAZONEN“ kontinuierlich erweitert und soll online wie offline nutzbar sein.

 


We could be Hero(in)es just for one day

David Bowie, Heroes, 1977

DIGITALE COLLAGES
ORAL HISTORY – 1945 to 2015

Heroines and Amazonen is a continously growing archive of audio-visual material like videos, interviews and images. On a visual level, Johanna Reich creates digtal collages: girls and young women are asked to select their favourite idol. The participants are portrayed in motion and still image, while the idol they chose is projected onto their faces. The portraits are shown as pop culture quote, as flags, videos and posters, comparable to the posters that fill the rooms of teenagers.

In addition to this Johanna Reich recorded interviews with women between 30 and 95 years and draws thereby a contemporary image of women in our society. At the same time the project is tracing the change of female roles from 1945 to 2015. Johanna Reich quotes with this work the approach of the french sociologist Pierre Bourdieu, whose work „La Distinction. Critique sociale du jugement“ is based on a collection of oral history sound documents. In his study Bourdieu considers that taste is influenced by the society and not individually created.


 


 

Amazonen

 

Den Gegenpart zur schillernden Bildwelt der Heroines bilden die Amazonen, die über gelebtes Leben berichten: Frauen verschiedener Generationen werden zu der Zeitspanne 1945 -2015 interviewt und erzählen von ihrem Lebensweg, ihren Entscheidungen, Vorbildern und dem Wandel der Frauenrolle nach dem Krieg bis heute. Frauen, die in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg aufwuchsen und mit dem Verlust von Idealen und Vorbildern konfrontiert waren, erzählen in einem Rückblick über die sich neu strukturierende Zeit und die nachhaltigen Veränderungen. Junge Frauen heute berichten von ihren Wünschen, hierarchische Strukturen aufzulösen und neue Entwürfe zwischen Beruf und privatem Leben zu erproben. Wie sich die Arbeits-/Lebensbedinungen und das Rollenbild der Frau in Deutschland verändert haben, wurde und wird in den verschiedenen Audio-Interviews aufgezeichnet.

Interview Ausschnitte:

R., geboren 1942

„Reich und berühmt – ich kann mir überhaupt nicht denken, dass ich Vorbilder in der Jugend gehabt hätte wie Filmschauspielerinnen oder dass ich für jemanden geschwärmt hätte, daran habe ich keine Erinnerungen. Weder hat mich Reichtum beeindruckt noch Schönheit – überhaupt nicht.

Mit den 68ern habe ich mich zum großen Teil deshalb nicht identifiziert oder bin nicht in die Extreme mitgegangen, weil ich in einem sehr liberalen Elternhaus aufgewachsen bin. Die Zwänge unter denen die Jugendlichen damals gelitten haben, waren mir fremd: dass der Junge studiert und das Mädchen nicht; dass man die Kinder nach Geschlecht ganz verschieden behandelt, habe ich erst in Frankreich und Italien kennen gelernt. Oder auch, dass Mädchen nicht allein reisen durften – das galt für uns nicht. Ich hatte keinen Grund zu rebellieren, auch was die Ausbildung betraf. Meine Mutter hatte ja schon in den 20er Jahren studiert, das war bei uns zuhause kein Thema mehr. Meine Eltern hatten auch viele Bekannte, bei denen die Frau gleichberechtigt wissenschaftliche Forschung betrieben hat, damals haben die Frauen auch veröffentlicht. Manchmal denke ich, dass es nach dem Fortschritt der 20er Jahre einen großen Schritt zurück ging, kaum war das Dritte Reich angebrochen, wurden die Frauen zurückgestuft. […] “

W., geboren 1982:

„…Aus meiner Sicht ist es so: in unserer heutigen Generation streben wir beides an – wir wollen nicht mehr nur Karriere machen, das sind wir nicht mehr. Wenn ich von mir und meinen Freundinnen ausgehe, wollen wir eigentlich alles. Wir wollen Familie, wir wollen privates Glück und wir wollen beruflich erfolgreich sein. Und manchmal übersteigt aber dieser Anspruch, den wir da formulieren, die Realität. Das, was wir schaffen und leisten können. Und ich merke in meinem Freundeskreis, dass die Frauen sich irgendwann entscheiden. In welchem Ausmaß diese Entscheidung getroffen wird, sei dahingestellt, es heißt nicht, dass Frauen dann nicht mehr arbeiten. Ich telefonierte gestern mit einer Freundin und fragte sei, was sie davon halten würde, wenn ich mich auf eine neue Stelle bewerben würde und damit befördert würde. Daraufhin sagte sie, für sie wäre Karriere kein Thema mehr, das wüsste sie, das ginge nicht, sie hätte jetzt nunmal ein Kind. ‚Aber mach du mal, du hast ja bis jetzt noch keine Kinder. Aber wenn du dann irgendwann Kinder hast, wirst du sehen, ist es vorbei mit der Karriere.‘ Das sagt eine junge Frau, die genauso alt ist wie ich. Ich finde, daran sieht man, dass das Ideal, das uns vorschwebt, nicht in Gänze umsetzbar ist. […]

 

B., geboren 1929:

„Schule gab es nicht, es gab keine Schule und 15 jährige Mädchen brauchen nicht mehr in die Schule gehen. Das war der Osten. Außerdem war mein Vater kein Bauer oder Arbeiter, sondern Beamter. Wir hatten drei Gymnasien im Ort und die waren auch noch im Winter 1945 geschlossen. Und ich hatte eine Arbeit, ich habe Panzersperren beseitigt. Von den Russen wurden wir auf den Friedhof von Frankfurt Oder gebracht, da lag die Munition, die die Nazis dort gestapelt hatten. Die mussten wir herausheben, auf LKWs stapeln und dann fuhren die mit uns raus. Dann mussten wir alles wieder abladen und abends brachten sie uns nach hause. Sie haben uns nichts getan. Wir waren Arbeiter. Mein Vater hat mir dann Nachhilfestunden bezahlt, meine alten Studienräte, die saßen alle in ihren Löchern und konnten nichts machen. Und die gaben Privatunterricht. So hatte ich dann ein recht gutes Zeugnis und wollte Medizin studieren. Das war mein Traum seit Jahren, meine Mutter war sehr fortschrittlich in dieser Hinsicht. Sie hat immer gesagt: ‚Du musst einen Beruf haben, das ist unbedingt nötig.‘ Dann habe ich mich an allen Universitäten im Osten beworben und habe überall Absagen bekommen. Studieren kam nicht in Frage, weil mein Vater kein Arbeiter und Bauer war. Und dann habe ich entschlossen, ich gehe nach Berlin. Da hatten wir schon Angst, dass die Mauer gebaut werden würde.[…]“

A., geboren 1982:

„…Ich habe immer gedacht: „ES GEHT ALLES.“ Mit meiner Mutter als Vorbild war mir immer klar: „Wenn ich Karriere will, wenn ich ein Kind will, wenn ich ins Ausland gehen will – egal, ich kann das schaffen.“ Es ist jetzt nicht so, dass mich das Gefühl total verlassen hat, aber man merkt schon, dass mit Anfang – Mitte 30 eine schwierige Phase ansteht, in der man doch feststellt, dass wir nicht in einem so sozialen Staat oder System leben, dass man problemlos ein Kind bekommen kann und dann wieder in den Job einsteigt. Es wird ja immer mehr erwartet, als das, was vertraglich festgehalten wird. Übermäßiges Engagement ist erwünscht, gehört eigentlich schon zum Standard und wenn man das irgendwann nicht mehr leisten kann aufgrund der familiären Situation, wird es glaube ich, sehr schwierig. Ich habe das ja noch nicht erlebt, aber ich bekomme es mit und habe schon großen Respekt vor dieser Situation und es verunsichert mich.
Ich hätte sehr gerne, dass sich Strukturen ändern, damit Dinge anders möglich sind, z.B. dass man vermehrt Teamarbeit in den Vordergrund stellen kann, was ganz andere Dinge ermöglichen würde – viel mehr Flexibilität, auch im Privatleben. Und man hätte viel mehr Input von verschiedenen Seiten. Ich fände es schön, wenn das ein System wäre, das häufiger vorkommen würde oder überhaupt erstmal respektiert würde. Ich habe immer das Gefühl, dass noch immer gerne diese „eine Person“ ganz oben gesehen wird, auf die sich alle berufen können, auf die sich alle verlassen können und die im schlimmsten Fall alle Konsequenzen trägt. Und ich bin mir nicht sicher, ob diese Strukturen aufzubrechen sind. Ich kenne nur wenige Systeme, in denen es funktioniert, dass es Gruppen an Menschen gibt, die gemeinsam und gleichberechtigt etwas umsetzen, was natürlich voraussetzt, dass es niemanden gibt, der sich ganz besonders hervortun will. […] “

Exhibition

Das Projekt wurde gefördert durch die Kunsthalle Wilhelmshaven, im Rahmen der Ausstellung „Das Publikum als Souverän. Partizipative Strategien in der Kunst heute“


WIDEHeroine auf Plakatwand, Köln, 2014