Priska Pasquer Gallery Cologne, 2019

„Possibility is not a luxury; it is as crucial as bread.“ Judith Butler, Undoing Gender

Light and space are combined in the video performance Virgin’s Land, in which Johanna Reich herself stands on a deserted beach. She has her back to the camera and, with outstretched arms, holds a golden life blanket that reflects the light. The artist was inspired by Heinz Mack’s „Sahara Project“ from the 1960s. The film Tele-Mack documents the project, in which the artist experimentally explored the energy and power of light in the Sahara desert. Mack was part of the artist group Zero, which began a new artistic beginning after World War II with Stunde Null. As a female position, Johanna Reich’s video work ties in with the intellectual new beginning. The title Virgin’s Land can be understood as new territory that is being tread by the artist.

Katharina Grote, in the context of the exhibition „Uncover – Made in Düsseldorf 3, NRW Forum Düsseldorf


Licht und Raum verbinden sich in der Videoarbeit Virgin‘s Land, in der Johanna Reich selbst an einem verlassenen Strand steht. Sie ist mit dem Rücken zur Kamera gerichtet und hält mit ausgestreckten Armen eine goldene Rettungsdecke, die das Licht reflektiert. Inspiriert wurde die Künstlerin durch das „Sahara-Projekt“ von Heinz Mack aus den 1960er Jahren. Der Film Tele-Mack dokumentiert das Projekt, in dem der Künstler in der Wüste der Sahara die Energie und die Kraft des Lichts experimentell erforscht. Mack war Teil der Künstlergruppe Zero, die mit der Stunde Null einen künstlerischen Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg begann. Als weibliche Position knüpft Johanna Reich mit ihrer Videoarbeit an den gedanklichen Neuanfang an. Der Titel Virgin’s Land kann als Neuland verstanden werden, das durch die Künstlerin beschritten wird.

Katharina Grote, im Rahmen der Ausstellung „Uncover – Made in Düsseldorf 3, NRW Forum Düsseldorf

Johanna Reich: Virgin’s Land, 2019

Abstrakt-leere Flächen, die mehrdeutig zwischen Bild und Objekt changieren und mitunter buchstäblich zum Bildschirm für Projektionen werden, kehren im Werk der Video- und Medienkünstlerin Johanna Reich in vielfältiger Form wieder. So genügt der Künstlerin schon eine kleine Wasserlache, um durch Vermalen des transparenten Elements mit einem Pinsel im Bewegtbild ein illusionistisches Landschaftsbild auf Asphalt allein durch Einspiegelung entstehen zu lassen. Ebenso flüchtig hat sie auf eigentlich der Malerei vorbehaltenen, weißen Leinwänden während des Durchstreifens des urbanen Raums Silhouetten von Laternen, Straßenschildern etc. eingefangen. Aus solch proto-fotografischen Schattenrissen ist ein Stadtfilm ganz eigener Art hervorgegangen, der über indirekte, schwarz-weiß abstrahierte Bilder inmitten des gewohnten Raumkontinuums eine weitere latente Realität und sonst Übersehenes sichtbar macht. Hier deutet sich schon an, in welcher Weise Johanna Reich ihren Umgang mit dem Medium Video oft performativ anlegt und Bildlichkeit durch ihre Präsenz belebt. Dies gilt auch für ihre inzwischen recht bekannten frühen Videos, wie die 2013 bereits im Kunstverein Bochum präsentierte Arbeit Black Hole (2009): Darin lässt die Aufsicht auf einen winterlich weißen Rasen die Schnee wegräumende, schwarz gekleidete Person langsam in dem von ihr freigeschaufelten schwarzem ‚Loch‘ verschwinden. In Flags (2011) wiederum sieht man die in farbige Blockstreifen gekleidete Künstlerin im Laufe einer Malaktion mit dem Bildgrund auf der begrenzenden Rückwand eins werden, der zwischen Farbfeldmalerei und den Landesfarben verschiedener Nationen oszilliert.

Die 2019 entstandene großformatige Videoprojektion Virgins Land (2019) weckt ebenfalls die Assoziation einer Fahne, wenngleich nicht aufgrund des Farbcodes politischer Symbole, sondern primär durch den Gestus, mit der die Künstlerin hier eine metallisch-spiegelnde Folie in den Wind hält. Entsprechend fungiert diese Goldfläche zunächst einmal als Objekt und weniger als Bildträger. Doch wird sie in der statischen Einstellung des Videos, das die unbewegt dastehende Künstlerin mit der vom Wind entfalteten Folie am ausgestreckten Arm zeigt, selbst zu einem flächigen, bildbeherrschenden Element. Durch das Flattern, die mitunter gleißenden Lichtreflexe und die haptische wie optische Vibration entwickelt es seine eigene ästhetische Faszination an der Grenze zum Abstrakten, noch unterstützt durch den weiten leeren Bildraum mit tiefem gleichmäßig blaugrauem Himmel, exakter Horizontlinie und monochromem Sandgrund.
Dieses Virgins Land hat sich offenbar aus unserem alltäglichen städtischen Erfahrungsraum heraus in einen überwältigenden Naturraum der Extreme verlagert. Explizit hat die Künstlerin als Referenz für ihre neue Arbeit auf die Land Art-Experimente der deutschen Zero-Künstler, konkret das Sahara-Projekt von Heinz Mack aus den 1950/60er Jahren, verwiesen. Parallelen finden sich in der Inszenierung von dessen metallischen Lichtstelen, die sich nicht zuletzt in einer Fernsehfilmproduktion entfaltete, aber auch in der Anverwandlung des Künstlers, sofern sich Mack selbst in einen silbernen Anzug kleidete. Andererseits jedoch zeugt das Sahara-Projekt von einer männlich technikeuphorischen Geste, mit der hier der fremde Raum besetzt und seine unbegrenzte Weite als Raum der Freiheit für die Kunst reklamiert wird. Inzwischen aber ist eine Wüstenlandschaft eher zum Emblem für klimakatastrophische Überhitzung und das Scheitern der Weltbeherrschung durch Technik geworden. Und die Goldfolie in Reichs Händen identifiziert man schnell mit denjenigen Rettungsfolien, die für unterkühlte Flüchtende lebensrettend sein können.
In Virgins Land lässt Johanna Reich diese Referenzhorizonte aufscheinen und überführt sie zugleich in ein offeneres Bild, das sogar Hoffnungsschimmer enthält. Im Titel verbirgt sich schließlich etwas verändert das englische Wort für Neuland. Und die Folie der Geflüchteten erscheint in einer solidarischen Geste umfunktioniert zu einem noch unbeschriebenen, goldglänzend verheißungsvollen Symbol eigener Landnahme jenseits nationalstaatlicher Beschränkungen. Dieser angedeutete Neuanfang geschieht zweifelsohne unter feministischen Vorzeichen. Denn im Unterschied zum eher androgynen Auftreten mit Kapuzenpulli in früheren Werken ist die Künstlerin in diesem Fall klar als weibliche Akteurin zu erkennen. Und anders als in einigen Videoperformances der 1970er Jahre, in denen Künstler wie Jochen Gerz in Rufen bis zur Erschöpfung oder Vito Acconci in Centers im Gegenüber mit der Kamera körperliche Grenzen austesteten, erlahmen die Kräfte der Künstlerin in diesem andauernden Videoloop nicht, mag die Goldfolie auch langsam Risse zeigen.

Prof. Dr. Annette Urban


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