installation, video, 300 polaroids, 2013 – ongoing

The project RESURFACE devotes itself to female artists of the 19th and 20th century who, although successful in their own lifetimes, have been all but forgotten today. Thanks to ongoing digitization, the archived works and biographies of these female artists are gradually resurfacing on the internet. Johanna Reich produces Polaroids of the digital testimonies. Photographic portraits are uploaded and Wikipedia entries written. In order to make the brief moment of “resurfacing” visible, she films the picture development process of the polaroid with a digital camera.

“RESURFACE“ is a ongoing research project based on . Doing research while having in mind the famous article of Linda Nochlin „Why have there been no great Woman Artists“ (Linda Nochlin, 1971). Johanna Reich went to different archives and found 400 female artists who were really famous during their time like for example the Finland-Swedish artist Helene Schjerfbeck who sold already with 17 years her paintings to the Finnish Art society.
Johanna Reich and her team tried also used the internet as a democratic tool to rewrite history: They started to write wikipedia entries of the artists who were not represented. Johanna Reich made Polaroid photos of their portraits and recorded the process of foto development with the video camera to let these female artists appear again. This ephemere film is the heart of the installation, the Polaroid portraits function as a caption including a biographical segment.


RESURFACE


Gedächtnis – Erinnerung – Vergessen – längst interessieren sich nicht mehr nur Neurowissenschaftler und Mediziner für diese schwer greifbaren und immer etwas diffus scheinenden Begriffe. Auch die Kultur-, Sozial- und Geisteswissenschaften beschäftigen sich mittlerweile mit der Thematik. Die Gründe, Folgen und Mechanismen des Vergessens, dem vermeintlichen Gegenpol der Erinnerung, rücken seit einigen Jahren mehr und mehr in den Fokus des öffentlichen Interesses.1) Die Künstlerin Johanna Reich beschäftigt sich in ihrem Projekt RESURFACE, zu deutsch Wiederauftauchen, mit dem Vergessen als Ausgangspunkt eines Wiederentdeckens.
Im Laufe ihrer Recherche in verschiedenen Archiven entstand eine Sammlung von 300 Künstlerinnen des 19. und 20. Jahrhunderts, die zu ihrer Zeit eigenständige künstlerische Positionen vertraten, teilweise auch finanzielle Erfolge verbuchen konnten, jedoch im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten sind. Mit der zunehmenden Digitalisierung analoger Fotografien finden auch ihre Porträts und Arbeiten durch eine Verbreitung über das Internet den Weg zurück in die Öffentlichkeit und sind einem größeren Publikum zugänglich. Unter ihnen befinden sich beispielsweise die Malerin Florine Stettheimer, die in den 1920er und 1930er Jahren mit ihren, an Miniaturmalerei erinnernden Arbeiten in der New Yorker Kunstszene für Aufsehen sorgte, die Australierin Hilda Rex, deren Arbeiten 1911 im Pariser Salon ausgestellt wurden, wie auch die finnlandschwedische Malerin, die bereits mit 17 Jahren ihre Arbeiten an die Finnische Kunstgesellschaft verkaufte.2)
Von über sechzig der ausgewählten Künstlerinnenporträts fertigt Johanna Reich Polaroidbilder an und bildet deren Entwicklungsprozess mit der Videokamera ab. Mittelpunkt der Videoinstallation RESURFACE ist die Projektion dieses Filmes auf Schaumfolie. Weiß, beinahe transluzent scheint sie zwischen Boden und Decke zu schweben. Die Konturen der Gesichter zeichnen sich darauf immer deutlicher ab, für einen Moment sind sie ganz präsent und gegenwärtig – dem Vergessen für kurze Zeit entrissen um dann wieder zu verschwinden. Etwas schemenhaft diffuses, wie eine flüchtige Erinnerung, die man noch nicht ganz greifen kann, bleibt jedoch. Die in einer Reihe an der Wand angeordneten Polaroid-Porträts, ergänzt durch einen kurzen biografischen Text, der der Wikipedia entnommen ist, fungieren als Bildlegende. Der Kampf der Frauen um Anerkennung in der Kunstwelt ist so alt wie die Kunst selbst.
Vom Kunstbetrieb nur am Rande oder gar nicht wahrgenommen verschwanden zahlreiche Kunstwerke samt ihren Schöpferinnen in der Versenkung des Vergessens. Nur wenige Ausnahmen, wie etwa Paula Modersohn-Becker, bestätigen diese Regel. Seit einiger Zeit ist ein ansteigendes Interesse an jenen oft ignorierten oder vergessenen Positionen zu verzeichnen. So widmet beispielsweise das Verborgene Museum in Berlin Ausstellungen und Buchprojekte ausschließlich Künstlerinnen, die meist in der Weimarer Republik tätig waren, jedoch nie die künstlerische Anerkennung bekamen, die ihnen zustand. Reich ermöglicht uns mit ihrer Arbeit einen Blick aus einer neuen Perspektive auf die von Männern dominierte Kunstgeschichte des 19. und Jahrhunderts.

Christina Lindner, Dokfest, Fridricianum Kassel, 2016


1 Oliver Dimbath und Peter Wehling: Soziologie des Vergessens: Konturen, Themen und
Perspektiven. 2011.
2 http://johannareich.com/portfolio/resurface