WANDEL DER ZEICHEN

Installation im Rahmen des Festivals FUTUR 21, Kunst Industrie Kultur/LWL und LVR, im Papiermuseum Alte Dombach; 4 autonom fahrende LED-Leuchtschriften, eine holographische Projektion auf Gaze, drei Projektionen auf Leinwand, 2022

„Die neuen Schriftstücke (die Computerprogramme) sind für die meisten von uns in jenes Geheimnis gebadet, welches alphabetische Schriften vor der Erfindung des Buchdrucks umhüllte“ (Villém Flusser, Die Schrift. Hat Schreiben Zukunft?, 1987, 51f)


Die Schrift gilt als eine der größten kulturellen Techniken der Veränderung: Menschen konnten ohne ihre eigene Anwesenheit Wissen über Jahrhunderte hinweg unabhängig von Raum und Zeit bewahren. Vor der Verwendung der Schrift sah es laut des Medienphilosophen Villém Flusser anders aus: “Vorher drehte man sich in Kreisen. Und je länger man Zeilen schreibt, desto historischer kann man denken und handeln.” Die magische Welt der Bilder und oralen Überlieferungen wurde durch die linear strukturierte Zeit der Geschichte ersetzt. Das Schreiben ist eine ordnende Geste. Es ordnet mythische Gedankenkreise in zeilenförmige Bahnen. Die linearisierende, schreibende Tätigkeit transformierte die mythische, orale Vorgeschichte in Geschichte. Geschichte ist Funktion und Produkt des linearisierenden Denkens. Deshalb markiert das Aufkommen der Schrift den Anfang der Geschichte.


Momentan befinden wir uns in einem weiteren Umbruch: die Gutenberg Galaxis, eine Welt, die vom Buch als Leitmedium geprägt war, haben wir längst verlassen. Wir schreiben, transferieren und speichern unser Wissen digital, die Schrift verlässt ihr Trägermedium. Zuerst auf Steintafeln, dann auf Papyrus und später auf Papier festgehalten, wird die Schrift nun immateriell. Jedoch nicht nur die Schrift: unsere Geschichte löst sich immer mehr von physischem Trägermaterial. Die heutige Produktion von Informationen im Netz läuft aufs Unendliche. Verschwindet unsere Geschichte in der Masse oder wird sie irgendwann in einem großen Stromausfall enden?


Tiefgreifen ist auch die Transformation dessen, was geschrieben wird; laut Flusser hört das Schreiben von Code auf, ein Dialog zwischen Menschen zu sein. Programmierung bedeutet Abarbeitung und Befolgung von Vorgaben. Gleichzeitig werden Menschen, die nicht Programmieren können beim Lesen von Code wieder zu Analphabeten. Die interaktive Installation „Wandel der Zeichen“ fungiert als eine Art digitale Höhlenmalerei und stellt Fragen nach dem Wandel des Schreibens, dem Ende der Gutenberg Galaxis und wie wir in Zukunft die Vergangenheit betrachten. Wird das Nacheinander der Geschichte in der Zukunft noch wichtig sein, wenn wir alle gleichzeitig Zugang zu allem Wissen durch Speichererweiterungen des Gehirns haben? Wird unser Denken sich wieder in Kreisen bewegen, statt in linearem Nacheinander?


Der Raum ist durch mehrere im Raum fahrende LED-Schrift-Bots in bläuliches Licht gehüllt und lässt den Betrachter in eine eigene Welt eintauchen. Die Bots fahren durch den Raum und zitieren Zeilen aus Villém Flusser Essay “Die Schrift. Hat Schreiben Zukunft”.
Im hinteren Teil des Raums befinden sich mehrere hängenden Gaze-bahnen, die formal an die zum trocknen aufgehängten Papiere auf dem Trockenboden des Papiermuseum anlehnen. Die dreidimensionale Projektion zeigt verschiedene Gesten des Schreibens, historische Fragmente der Entwicklung und Veränderung der Schrift, auf der menschlicher Fortschritt, Glaubens-und Denkmodelle basieren. Diese sind nicht aufeinander folgend historisch-linear angeordnet, sondern tauchen wie Gedankensplitter auf und verschwinden wieder. Man sieht z.B. schemenhaft das bekannte Gemälde “Turmbau zu Babel” von Pieter Bruegel dem Älteren, das von der biblischen Geschichte der Sprachverwirrung handelt, nachdem die Menschen in ihrer Hybris einen Turm bis in den Himmel bauen wollten. Andere Bildsplitter zeigen u.a. gestenhafte Zeichnungen von unbekannten Schriftzeichen, verschwundenen Sprachen, den ersten digitale Emojis von Shigetaka Kurita (1999) oder eine Visualisierung von Sprachübertragung durch Denken per Interface.


Die kleinen Videoprojektionen auf schwarzen Leinwänden basieren ebenfalls auf Zitaten aus Villém Flussers Essay “Die Schrift. Hat Schreiben Zukunft” und beschäftigen sich mit der widerholenden kreisförmigen oder der linearen Schreibgeste. Der Mensch und Schreibende befindet sich hier in einem digitalen Raum mit nicht genau definierbaren Größenverhältnissen. Allein führt die Person die Geste des Schreibens in Kreisen/Linien aus, taucht auf und verschwindet wieder.
Viele Bilder lassen sich – ohne Hintergrundwissen – nicht direkt entschlüsseln, aber sie breiten sich im Raum aus und kreieren durch ihr Geheimnis einen Raum gleich einer zeitlosen-digitalen-Höhlenmalerei.

„The new writings (the computer programs) are, for most of us, bathed in that mystery which shrouded alphabetic scripts before the invention of printing“ (Flusser, The Writing. Does Writing Have a Future?, 1987, 51f).


Writing is considered one of the greatest cultural techniques of change: people could preserve knowledge for centuries without their own presence, independent of space and time. Before the use of writing, things looked different, according to the media phiosopher Villém Flusser: „Before that, one went around in circles. And the longer you wrote lines, the more historically you could think and act.“ The magical world of images and oral traditions was replaced by the linearly structured time of history. Writing is an ordering gesture. It arranges mythical circles of thought into linear paths. The linearizing, writing activity transformed mythical, oral prehistory into history. History is the function and product of linearizing thought. Therefore, the advent of writing marks the beginning of history.
At the moment we are in the midst of another upheaval: we have long since left the Gutenberg galaxy, a world that was dominated by the book as the leading medium. We write, transfer and store our knowledge digitally, writing is leaving its carrier medium. First recorded on stone tablets, then on papyrus and later on paper, writing is now becoming immaterial. However, not only writing: our history is increasingly detaching itself from physical carrier material. Today’s production of information on the net runs to infinity. Will our history disappear into the masses or will it eventually end in a major blackout?
Profound is also the transformation of what is written; according to Flusser, writing code ceases to be a dialogue between people. Programming means processing and following instructions. At the same time, people who cannot program become illiterate again when reading code.
The interactive installation „Changing of Signs“ acts as a kind of digital cave painting and asks questions about the change of writing, the end of the Gutenberg Galaxy and how we will look at the past in the future. Will the succession of history still matter in the future when we all have simultaneous access to all knowledge through memory enhancements of the brain? Will our thinking move in circles again instead of linear succession?
The room is shrouded in bluish light by several LED writing bots traveling in space, immersing the viewer in a world of their own. The bots travel through the space quoting lines from Villém Flusser essay „Writing. Does Writing Have a Future?“


In the back of the room are several hanging gauze panels that formally echo the papers hung to dry on the Paper Museum’s drying floor. The three-dimensional projection shows various gestures of writing, historical fragments of the development and change of writing, on which human progress, beliefs and thought models are based. These are not arranged sequentially in a historical-linear fashion, but appear and disappear like splinters of thought. One sees, for example, dimly the well-known painting „Tower of Babel“ by Pieter Bruegel the Elder, which deals with the biblical story of the confusion of languages after people in their hubris wanted to build a tower up to heaven. Other image fragments show, among other things, gestural drawings of unknown characters, vanished languages, the first digital emoji by Shigetaka Kurita (1999), or a visualization of language transmission through thinking by interface.
The small video projections on black screens are also based on quotes from Villém Flusser’s essay „Writing. Does Writing Have a Future?“ and deal with the repetitive circular or linear writing gesture. Here, the person and the writer find themselves in a digital space with proportions that cannot be precisely defined. Alone, the person performs the gesture of writing in circles/lines, appears and disappears again.
Many images cannot be deciphered directly – without background knowledge – but they spread out in space and create a space like a timeless digital cave painting through their mystery.